Immer wieder bekam ich mitleidige Blicke von Freds Clubbekanntschaften. Sie sind mir dankbar, dass ich ihn glücklich mache und es muss doch so schwer für mich sein, dass zu ertragen. Nie nahm jemand die Wörter Krebs oder Tumor in den Mund und so fiel es mir leichter, aufrichtig zu sagen, dass ich das alles gar nicht an mich heranlasse und wir den Augenblick genießen. So sagte ich es.
Es wurde Herbst. Probleme wurden offensichtlicher. Fred rief mich Samstagnacht besoffen an. Rumgeheule. Angst zu Sterben. Liebe. Er kommt vorbei. Das passierte nun öfters. Der Höhepunkt war Ende November. Seine Wohnungstür war verriegelt, das Schloss ausgetauscht und er aus seiner Wohnung geschmissen worden.
Endlich redeten wir mal wieder ernsthaft und nüchtern.
shine.on - 28. Aug, 11:48
Wunderschön war der Sommer.
Wir lagen uns in den Armen. Spielten Federball wie die Kinder auf der Wiese hinterm Haus. Auf Festivals hüpften wir herum und machten uns über Unheilig und seine Hörer lustig. Weil wir kein Geld für Schweden hatten, taten wir in Brandenburg auf dem Zeltplatz so, als wären im hohen Norden. Der Sex bei Unwetter im Zelt war toll. Wir streiften durch Clubs und betranken uns. In Prag genossen wir die Tage. Was gibt es Schöneres als im Sommer verliebt zu sein?
Zwischendurch gab es einige "Ich will nicht sterben." Ich lies es nie an mich heran, doch war es immer da. Meinen Freunden erzählte ich wie verliebt ich bin und verschwieg ihnen das Drumherum. Ich wollte endlich einmal glücklich sein, auch für sie.
shine.on - 26. Aug, 23:49
Es ging gut weiter.
Bevor wir uns wieder küssten, redeten wir. Wir wollten eine ernsthafte Beziehung, wenn schon. Es würde traurige Momente geben, schließlich schwebte diese unfassbare Wolke über uns. Aber wir wollten das gemeinsam ertragen.
Erwachsen fühlte sich das an.
Wir heulten noch eine Runde und knutschten dann.
Ich war glücklich.
shine.on - 25. Aug, 21:47
Am Mittag wachte ich mit einem Gefühl des Verliebtseins auf. 'Oh Scheiße!' war auch ein Gedanke, den ich mir selbst gegenüber nicht verleugnen konnte. Ich kämpfte den ganzen Tag gegen ihn an.
Händchenhaltend und küssend verbrachte ich den Rest des Festivals und es gelang mir doch, es zu genießen.
Am Dienstag hatte uns Berlin und der Alltag wieder und ich keine Idee, wie das jetzt weitergeht.
shine.on - 22. Aug, 23:54
Fred und sein Kumpel machten bei jeder Zigarette Witze á la 'an Lungenkrebs kann ich ja nicht mehr sterben'. Merkwürdig fand ich das. Und doch hatten wir viel Spaß. Ich genoß es. Später war Fred ganz wild darauf mich zu einer Depeche Mode Party zu begleiten. Ich wunderte mich, schließlich machte er kein Hehl daraus, wie überbewertet und schlecht er die Band findet, abgesehen von Songs of Faith and Devotion, was ja bekanntlich das Album ist, dass die Fans am wenigsten mögen. Als wir durch das frühmorgendliche Leipzig liefen, fragte ich mich, ob ich ihm jetzt wirklich zumuten soll, in seinem Zelt zu schlafen. Ihn fragte ich, ob er mit dahin kommen möchte, wo ich übernachte, und fügte hinzu, dass ich aber nicht versprechen kann, dass da was geht. Ich liebe diesen Spruch von Diane in Trainspotting.
Dann ging aber doch was.
shine.on - 22. Aug, 08:50
Wir liefen uns nicht wieder über den Weg. Oft musste ich an ihn denken. Dann kam Leipzig. Am ersten Morgen des WGT bekam ich einen Anruf von meinem Vater. Schon als das Telefon klingelte, wusste ich was passiert ist. Meine Tante hat aufgegeben, es war besser so für sie. Am Nachmittag irrte ich kopf- und planlos durch die Stadt und wartete, auf die Ablenkung der ersten Konzerte. Am Abend ging ich mit einem Mann tanzen, der mich weiter ablenkte. Eigentlich fand ich ihn doof, aber das war egal.
Tag 2, das Festivalfeeling hatte mich eingefangen und ich wollte mich einfach nur treiben lassen. Mein Telefon schenkte mir eine SMS von Fred. Wir waren gerade auf dem Weg zum selben Konzert. Er vermutetet mich da und hoffte, mich zu sehen. Wir hatten Spaß und ich wisch schnell von meinen eigenen Plänen ab, um mit ihm und seinem Kumpel weiterzuziehen. So muss ein WGT sein. Im Volkspalast bei I like trains packte mich der Anmut des Moments und ich fragte ihn, ob das denn stimmt, was er bei myspace Kund getan hat. Ohne es laut zu sagen, hatte ich die wage Hofnung auf eine Art Experiment. Ja, es stimmt.
shine.on - 21. Aug, 13:41
Hört sich wie ein guter Anfang an. Doch dann kam die Sache mit dem Tumor.
Wir wurden myspace-Freunde und versuchten in der nächsten Zeit erfolglos uns mal wieder zu treffen. Die Stadt ist einfach zu groß oder ich weiß auch nicht.
Aus der Kalten heraus traf mich eines Tages, es muss im Februar oder März gewesen sein, sein myspace Bulletin. Eine Beichte, eine Bitte um Verständnis, eine Erklärung an seine Freunde. Alles ist anders als alle bisher denken. Fred lebt mit der Diagnose Hirntumor. Er will sich nicht helfen, therapieren, heilen lassen und wünscht sich, dass seine Freunde dies akzeptieren. Ich war gelähmt und brach doch in Tränen aus. Zu der Zeit verlebte meine Tante ihre absehbar letzten Tage, weil der Krebs sie von innen auffraß. Ich hatte für mich selbst noch keinen Weg gefunden, wie ich erwachsen mit diesem Thema umgehe. Und nun noch Einer. Vielleicht gab es Hilfe. Warum wollte er sich nicht helfen lassen? Und wie verzweifelt muss ein Mensch sein, der mit dieser Hammernachricht online an seine Freunde und Bekannte tritt? Er verlangte viel von seinen Freunden, indem er sie bat, was auch immer geschieht, es geschehen zu lassen. Ich wollte gar nicht versuchen, all diese Gedanken näher an mich heranzulassen, es war schon genug los.
shine.on - 21. Aug, 12:07
Ich lernte Fred (das ist nicht sein wirklicher Name) online kennen auf einem Datingportal für schwarze Menschen. Er schrieb mir, weil wir die selbe Gegend unsere Heimat nennen und weil ich oder mein Profil irgendwie anders war, als die anderen, sagte er mir später. Ein paar Wochen oder sogar Monate schrieben wir uns hin und her. Nie fragte er mich, ob wir uns mal auf einen Kaffee treffen wollen. Ich bedauerte das ein bisschen, aber er war der Mann und sollte die Initiative übernehmen. Seine Fragen und Antworten wirkten philosophisch und ich befürchtete, der Mensch ist im wahren Leben kompliziert, daher war ich auch nicht so böse auf die ausbleibende Einladung.
Im Januar dann gab es einen Freitagabend, der auch anders war, als die anderen. Mehrere Zufälle spielten in einander, bis ich in diesem Club auf im Prenzlauer Berg landete. Als ich den Laden betrat, fiel mir sofort ein Typ an der Bar auf. Er erinnerte mich an meinen Schreibpartner, aber er kam mir so klein vor und passte nicht zu dem Bild, was ich mir trotz Fotos auf dem Profil, von ihm gemacht hatte. Wir schwänzelten ein wenig umeinander herum, bis er mich schließlich ansprach. Er hätte mich sofort an meiner Nase erkannt. Alle waren guter Stimmung und so zogen wir später noch weiter in einen Club nach Friedrichshain. Ich dachte mir, der Typ ist ja doch ganz lustig und freute mich, vielleicht einen neuen Ausgehbegleiter gefunden zu haben. Die Nacht endete in der fröhlichen Backerei bei Rühereibrötchen und mit der Idee, unsere Beziehung auch auf anderen Internetportalen auszuweiten. Belustigt und gut unterhalten fiel ich schließlich morgens ins Bett.
shine.on - 20. Aug, 00:51
Phasen und Momente des Glücks verschwimmen wie Kleckse der Erinnerung. Ja, ich war glücklich. Ich glaubte, glücklich zu sein? Ich legte mein Glück in den Schoß eines Menschen, bis er es mir mit den klaren Worten "Ich liebe dich nicht mehr." wieder nahm. Wer weiß, vielleicht ist aber genau dies der Moment gewesen, in dem er es mir wieder zurück gab?
Ich werde nun diese Geschichte erzählen. Und ich werde nur so lange Tränen um diese Geschichte weinen, wie ich sie erzähle.
shine.on - 16. Aug, 03:07